Bewegung

10.09.2020

  Fitness für Körper und Geist

Bewegung lässt Gehirnzellen spriessen

War die bisherige Arbeit im Büro schon von Bewegungsmangel geprägt, haben die Corona-Krise und die Arbeit im Homeoffice die Bewegungsarmut noch verschärft. Die körperliche Betätigung ist häufig völlig in den Hintergrund gerückt. Berichtet wird sogar von Menschen, die ihr Büro im Schlafzimmer aufgebaut haben und morgens sich nur vom Bett zum Bürostuhl rollen müssen. Beine? Ein weitgehend unnötiges Anhängsel des Körpers.

Doch eine Untersuchung der Deutschen Krankenversicherung (DKV) in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsinstitut Ipsos zeigt einen gegenteiligen Trend. Die Corona-Krise hat zu einer deutlichen Zunahme sportlicher Aktivitäten geführt. Etwa ein Viertel der  „Heimarbeiter“ geht joggen, fährt Rad, draußen oder auf einem Hometrainer, und bringt sich mit Spaziergängen in Schwung. Und das ist auch gut so.

Ob als Kind, in der Jugend, als Erwachsener oder im Alter: Während des ganzen Lebens wirken sich körperliche Aktivitäten positiv auf die Lernleistung aus. Bewegung und Lernen, daran gibt es keinen Zweifel, bilden eine hervorragende Kombination, um jeden Lernprozess zu unterstützen. Wir lernen allerdings nicht nur, wenn wir ein Gebäude betreten, das Schule oder Universität genannt wird. Wir lernen immer, das Gehirn kann gar nicht anders als alle Informationen, die ihm von den Sinnen dargeboten werden, aufzunehmen und zu verarbeiten. Bewegung ist der „Nährboden des Lernens“ schreibt Bernd Heckmair in der „Zeitschrift für Erwachsenenbildung“ und das Buch von Manuela Macedonia, Neurobiologin, trägt den passenden Titel: „Beweg dich und dein Gehirn sagt danke“. 

Dass es einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen Bewegung und Lernen gibt, bestätigen zahlreiche neurologische Studien. Wollen Sie Vokabeln lernen? Dann bewegen Sie sich dabei! Probanden gingen 30 Minuten auf einem Laufband spazieren und lernten währenddessen 40 Vokabeln Polnisch. Drei Tage später lernten sie weitere 40 Vokabeln, diesmal auf einem Sofa. Erwartungsgemäß war das Lernergebnis besser, während die Probanden sich bewegt hatten. 

Sie besitzen einen Hometrainer? Dann gelingt Ihnen Vokabeln lernen auch zu hause. In einer Studie sollten mehr als 100 Teilnehmer 80 Polnisch-Vokabeln samt deutsche Übersetzung lernen. Ein Drittel der Gruppe hörte sich die Vokabeln über Kopfhörer beim bequemen Sitzen an. Das zweite Drittel trainierte zunächst 30 Minuten auf dem Hometrainer und hörte sich anschließend die Vokabeln an. Die dritte Gruppe radelte und hörte sich gleichzeitig die Vokabeln an. Anschließend führten alle Probanden einen schriftlichen Test durch, in dem sie die Vokabeln und die Übersetzung notieren mussten. Das beste Resultat erzielte die dritte Gruppe, die Radler. 

Eine der wohl bedeutendsten Untersuchungen der Hirnforschung zum Thema Lernen und Bewegung machte der schwedische Forscher Thomas Björk-Eriksson im Jahre 1998, als es dem Wissenschaftler gelang, die Neubildung von Nervenzellen, ein als Neurogenese bezeichneter Prozess, in den Gehirnen von Erwachsenen nachzuweisen. Bis ins hohe Alter hinein werden neue Neuronen gebildet, die sich in Netzwerken zusammenfinden. Sport, so kann man lapidar konstatieren, lässt also Gehirnzellen sprießen.

Welche Auswirkungen haben körperliche Aktivitäten auf unseren Organismus? Bewegung fördert die Blutzirkulation und die Durchblutung des Gehirns. Sie ist vorteilhaft für den gesamten Bewegungsapparat und besonders für das Herz. Eine Faustregel lautet: was gut für das Herz ist, ist auch gut für das Gehirn. Weiterhin wird die Bildung und Verarbeitung von Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter, welche für die Übertragung von Informationen im Nervennetzwerk verantwortlich sind, ausgelöst. 

Bei körperlichen Aktivitäten geht es nicht darum, sportliche Höchstleistungen zu erzielen, die einfachste Möglichkeit, den Körper in Schwung zu bringen und damit die mentale Fitness zu fördern, ist das Gehen. Der irische Hirnforscher Shane O`Mara erklärt in einem Interview mit der Journalistin Lea Wolz, wie sich Spaziergänge und Gehen auf Muskeln, Kreislauf und unser Gehirn auswirken.

Fitness für Körper und Geist

„Regelmäßiges Gehen bewirkt Veränderungen in der Struktur und Funktion des Gehirns. Am besten untersucht ist der Hippocampus, die Hirnregion, die für Lernen und Gedächtnis zuständig ist. Hier hilft Bewegung, neue Zellen zu bilden. Studien mit vielen Teilnehmern zeigen, dass viel und regelmäßiges Gehen das Volumen dieses Gehirnareals vergrößert. Das geht einher mit bemerkenswerten kognitiven Verbesserungen, speziell der Gedächtnisleistung, aber auch beim Lernen und der Aufmerksamkeit.“ 

O`Mara, Professor für Experimentelle Hirnforschung an der Universität Dublin, verweist auf Studien, welche die Schritte pro Tag messen. Wer weniger als 500 Schritte täglich zurücklegt, tendiert zu einem sitzenden Lebensstil und besitzt ein höheres Risiko für Herz- und Fettstoffwechselkrankheiten oder Diabetes. „Laufen Sie 5000 Schritte mehr, als Sie es momentan tun, dann sind Sie auf der sicheren Seite.“ 

 

Ich laufe nicht für meine Figur, ich laufe für mein Gehirn.Dr. Manuela Macedonia

 

  Bewegung im Job

Wie bringen Sie Bewegung und Beruf unter einen Hut?

Viele Menschen fahren mit dem Auto ins Geschäft, sitzen im Büro und hocken etwa die Hälfte ihrer Arbeitszeit in Meetings, und das jede Woche. Meetings und Besprechungen zählen zu den zentralen Steuerungsinstrumenten eines Unternehmens, sie sind das richtungsweisende Kernstück der internen Kommunikation und brauchen eine emotional positive Besprechungskultur. Doch viele klagen über die hohe Anzahl von Besprechungen, in denen sich Ritter der Schwafelrunde endloses Gelaber liefern und Selbstdarsteller eitel ihr Profil putzen. Und eines kommt stets zu kurz: körperliche Betätigung. Bewegungsmangel im Beruf gibt es ja nicht erst seit Corona. Zahlreiche Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern schön seit längerem Bewegungsangebote. Ein angeleiteter Spaziergang während der Mittagspause oder lockere Bewegungsabläufe im Besprechungsraum bringen Körper und Geist in Schwung.

Und wie sieht es bei Fortbildungsveranstaltungen aus? Nicht erst seit heute bringen Dozenten und Trainer in ihren Seminaren die Teilnehmer in Bewegung.

Körperaktivitäten fördern den Lernprozess. Das dient nicht nur zur Überwindung des Suppenkomas nach der Mittagspause, sondern lockert das Trainingsgeschehen auf, unterstützt einen abwechslungsreichen Methodenmix und fördert die Atmosphäre in der Gruppe durch Lachen, Spaß und gemeinsames Erleben. Bewegungsübungen sind kein Selbstzweck, sondern sollten primär sinn- und themenbezogen eingesetzt werden. Körperliche Aktivitäten, die geeignet sind, sich den Inhalt der Weiterbildung einzuprägen, steigern die Verankerung. Gehen ist einer der besten und einfachsten Wege, um unseren Körper in Topform zu bringen. Man benötigt keine spezielle Vorbereitung, keine Yogamatte oder Sportbekleidung, nur ein bequemes Paar Schuhe und vielleicht eine Regenjacke, und schon kann es losgehen. 

Wie die Trainerin Barbara Messer empfiehlt, „können kleine »gymnastisch« anmutende Bewegungsphasen gut sein, noch sinnvoller sehe ich jedoch eine Integration in das allgemeine interaktive Level des Trainings. Kreative Erarbeitungsphasen und Ergebnispräsentationen, Quiz, Wettkampf, theatrale Elemente und vieles andere mehr schaffen Bewegungen, die in inhaltlicher und werteorientierter Übereinstimmung mit dem Thema des Trainings einhergehen.“ 

Um eine Akzeptanz von Bewegungsphasen bei den Teilnehmern zu erreichen, empfiehlt es sich, bei der Einladung bereits darauf hinzuweisen und zu Beginn des Seminars oder der Besprechung den Einsatz dieser Aktivierungsübungen kurz zu begründen. Das gilt natürlich auch für Bewegungsaktivitäten in Unternehmen. Je mehr es gelingt, einen Bezug der Übung zum Thema oder zur folgenden Besprechungs- und Lernaktivität herzustellen, desto größer die Akzeptanz.

 

Gehen ist die beste Medizin. Hippokrates

 

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