Das Gehirn liebt Bilder und Geschichten

07.03.2017

  Das Gehirn liebt Bilder und Geschichten

Gehirngerecht präsentieren und überzeugen

An einem Montag, 14 Uhr, Zeit für das wöchentliche Abteilungsmeeting. Normalerweise stellt sich nach dem Mittagessen das Suppenkoma ein, doch heute ist es überraschend anders. Ein Kollege referiert. Er beginnt seinen Vortrag mit einer persönlich erlebten Geschichte. Die Teilnehmer blicken gebannt nach vorne und folgen aufmerksam den Ausführungen des Redners. Nur wenige Folien werden gezeigt, sie sind wirkungsvoll bebildert und unterstützen das gesprochene Wort. Mit Blickkontakt und persönlicher Ansprache stellt der Referent Nähe zum Publikum her und es gelingt ihm, Emotionen zu wecken und die Zuhörer zu begeistern.

Präsentationen zählen zum alltäglichen Handwerk von Managern, Trainern und Beratern. Sie sind für jedes Unternehmen ein Schlüssel-Faktor für die interne und nach außen gerichtete Kommunikation. Mit Präsentationen werden Zusammenarbeit, Unternehmensführung und Marktkontakte gesteuert! Im Berufsalltag jedoch erleben wir häufig nur hirnrissige Magerkost, die kaum geeignet ist, etwas nachhaltig zu bewirken.

Überfrachtete Folien, Bullet-Point-Orgien sowie Zahlenfriedhöfe und Textwüsten erreichen keinen der Teilnehmer und sorgen dafür, dass nichts hängen bleibt. Mancher Sprecher referiert auch noch im Mikado-Stil: keine heiklen Themen berühren, nur nicht anecken oder wackeln. Viele Power Point Vorträge wirken sedierend und fallen unter das Betäubungsmittelgesetz. Die Zuhörer schalten ab und ihr Gähnen ist ein stummer Schrei nach „Aufhören“!

Kein Unternehmen kann darauf verzichten, Zahlen, Daten und Fakten zu kommunizieren. Doch für unser Gehirn ist alles, was keine Emotionen auslöst, wertlos. Die Neurobiologie hat eindeutige Belege geliefert, dass Menschen nicht vordergründig vernunftgesteuert sind. Ohne die Beteiligung von Emotionen treffen wir keine Entscheidungen, gelingt keine Zusammenarbeit, funktioniert keine Führung. Für den Referenten heißt das, „trockene Botschaften“ deutlich emotionaler zu präsentieren. Wer Emotionen wecken will, muss sie selber zeigen. Das gelingt mit persönlichen Anekdoten und spannenden Geschichten. Unser Gehirn ist ein Erlebnisspeicher, kein Datenfresser. Storytelling als personenorientierte Managementmethode ist längst aus dem Schatten des Einschlafrituals im Kinderzimmer getreten und in der Geschäftswelt angekommen. Heute werden Produkte und Dienstleistungen mit Geschichten beworben. Unser Gehirn speichert Informationen und Ereignisse in Form von Geschichten. Und wer seine Präsentation mit narrativen Elementen versieht, trifft direkt in das Herz der Zuhörer.

Das gilt auch für Metaphern. Passende Sprachbilder regen die Phantasie der Zuhörer an und besitzen die Kraft, sich tief in der Gedankenwelt zu verankern. Was nicht durch den Bauch geht, bleibt im Kopf nicht hängen. Wenn Bilder in einer Präsentation gezeigt werden, sollten es keine tausendmal gesehenen, sterilen Agenturfotos sein. Zum gesprochenen Wort eignen sich einzigartige Abbildungen. Sie besitzen eine höhere Chance, die Vorstellungskraft des Publikums anzukurbeln. Für Fotos, auf denen Personen gezeigt werden, vor allem ausdrucksstarke Gesichter, gilt das besonders.

Dummy

Das Publikum steht im Mittelpunkt

Die bewusste Aufnahmekapazität unseres Gehirns ist begrenzt. Pro Sekunde nehmen wir etwa 40 Bits bewusst wahr, aber etwa 11 Millionen Bits pro Sekunde gelangen unbewusst in unser Gehirn. Ein Bit ist die Basiseinheit einer Information. Beim Lesen dieses Satzes verarbeitet Ihr Gehirn etwa 45 Bits. Die Konsequenz für den Referenten ist, nur wenige Botschaften pro Chart zu zeigen, Effekte im Präsentationsmodus sparsam einzusetzen und generell nach dem Leitsatz zu verfahren: Weniger ist mehr!

 

Nur wenn wir das bildhafte oder episodische Gedächtnis erreichen, können wir Menschen zu einer Verhaltensänderung bewegen. Das Faktengedächtnis alleine funktioniert nicht. Prof. Ernst Pöppel

 

  Präsentorik-Synthese aus visuellen und gesprochenen Botschaften

Mit Wirksprache überzeugen

Ziel einer gelungenen Präsentation ist es, eine Synthese aus visuellen und gesprochenen Informationen zu schaffen Wer wirkungsvoll kommunizieren will, muss wissen, was im Gehirn vor sich geht, wenn wir sprechen, zuhören oder lesen. Hirngerechte Rhetorik zeigt, wie man die neuesten Erkenntnisse der Hirnforschung für den persönlichen Kommunikationserfolg nutzt. Wenn wir also etwas mit Sprache bewirken wollen,dann müssen wir dafür sorgen, dass die Worte im Gehirn des Zuhörers Bilder erzeugen, die er emotional positiv bewertet und abspeichert. Schon unsere Sprache deutet darauf hin: Wir machen uns ein Bild von jemanden, bilden uns etwas ein und besitzen eine umfassende Bildung.

Bei einem Vortrag zum Thema Bewegung könnte man faktenreich belegen, dass Bewegung das Herz-Kreislaufsystem unterstützt, den Stoffwechsel fördert, den Cholesterinspiegel senkt, die Muskulatur stärkt ... „Ja, ja, weiß ich doch alles – Hör auf, mich zu langweilen“, wird mancher denken. Eine ganz andere Wirkung würde man zum gleichen Thema bei den Teilnehmern erzielen, wenn man sie auffordert, sich einmal daran zu erinnern, wie es war, als man gesund und fit war, wie man sich dabei fühlte, welch tolle Leistungen man vollbrachte und wie leicht und einfach einem vieles von der Hand ging. Durch diese sprachliche Botschaft werden nicht Fakten vermittelt, sondern innere positive Bilder reaktiviert bzw. neu geschaffen. Damit erreichen wir bei unseren Zuhörern das bildhafte Gedächtnis, und die Wirkung ist entsprechend groß. Die ganze Sache hat nur zwei Haken: Der erste Haken ist, dass unser bildhaftes Gedächtnis nicht sehr groß ist, und der zweite Haken ist, dass Bilder mit der Zeit verblassen.

Und um den Zerfall der Bilder zu verhindern, ist es notwendig, Themen immer wieder und in regelmäßigen Abständen zu kommunizieren, damit sie reaktiviert werden und lebendig bleiben. Wiederholung ist ohnehin das stärkste rhetorische Mittel, wie man an der Werbung sieht, die sich die Wiederholung zunutze macht.

Bei der Sprache liegt der Schwerpunkt der Verarbeitung in der sprachdominanten linken Gehirnhälfte. Will man die Wirkung der Sprache erhöhen, ist es hilfreich, auch die rechte Gehirnhälfte stärker mit einzubeziehen, womit das aktivierte neuronale Netzwerk größer ist und das Gehörte länger in der Erinnerung bleibt. Wie aber kann man das erreichen? Viele Studien und Untersuchungen belegen, dass hierfür Redewendungen oder Metaphern sich bestens eignen. Warum? Sie helfen uns, Abstraktes besser zu verstehen und erfordern eine visuell-räumliche Verarbeitung, was hauptsächlich eine Aufgabe der rechten Gehirnhälfte ist. Auch Satzmelodie und die Betonung des Gesprochenen verarbeitet die rechte Gehirnhälfte. Wer eine Aussage betont, vermittelt, dass diese Information neu und bedeutsam ist. Wichtige Wörter sprechen wir einen Tick lauter, und messen ihnen somit mehr Gewicht bei, was wir oft gar nicht bewusst wahrnehmen. Manuskript ablesen oder sich frei sprechend an das Publikum zu wenden? Da das Gehirn beim Lesen nicht genau weiß, wie der Text weiter geht, da wir lediglich höchstens 15 Buchstaben voraus erkennen können, neigen die meisten Vortragenden dazu, die Sätze weniger zu betonen und oft auch noch falsch. Ein Satz hingegen „plant“ unser Gehirn wesentlich weiter. Also: Frei sprechen! Und wenn es nicht anders geht, das Manuskript vorher mehrmals lesen und die Betonungen markieren.

Und noch etwas: Sprachwissenschaftler untersuchten, welche Wirkung das Sprachtempo erzeugt. Ergebnis: Je schneller der Vortragende sprach, desto gebildeter, intelligenter und objektiver galt er bei den Zuhörern. Natürlich gibt es Grenzen: die Artikulation darf nicht im Geschwindigkeitsrausch leiden ...

 

Steh aufrecht, damit Du gesehen wirst, sprich laut, damit Du gehört wirst, fasse Dich kurz, damit Du gemocht wirst.. unbekannt

 

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