... das kannst du vergessen!

12.09.2013

  Lernen und Vergessen

... das kannst du vergessen!

So manch ein Zeitgenosse wünscht sich nichts mehr als einen digitalen Radiergummi, der die im Netz unbedacht hingerotzten Schimpfkanonaden vernichtet, der pikante, private oder intime Spuren vertilgt oder der einen „Shit-Storm“ nachträglich in eine leichte Brise verwandelt. ... die Daten im Internet verrotten nicht, das Netz kann nichts vergessen. Selbst die klitzekleinste Spur eines „Users“ läßt sich im digitalen Ewigkeitsspeicher wieder finden. Wäre es nicht schön, wenn unser Gehirn auch alles für immer speichert und wir nichts vergessen würden? Der Schulabschluss, die Fahrprüfung, das Examen ... alles hätten wir mit Bestnoten absolviert, weil wir alles behalten und nichts vergessen ... so wie das Internet...

Coaching Hirnaktivität

Hirnaktivität

Anders als das Netz, das kein Verfallsdatum kennt, kann unser Gehirn nicht nur lernen und speichern, sondern auch vergessen. Das Vergessen wird häufig jedoch als Schwäche oder Fehlfunktion des Gedächtnisses begriffen. Wie oft haben wir uns dabei ertappt, sich an etwas nicht erinnern zu können: Namen, Gesichter, Fakten. Wir sprechen dann davon, dass unser Gedächtnis „löchrig wie ein Käse“ ist oder verweisen gleich auf den „Morbus“, gemeint „Morbus Alzheimer“, wie war doch noch dessen Vorname ...?

Der Spruch: „... das kannst du vergessen“ bedeutet umgangssprachlich: das taugt nichts, das ist wertlos, es hat keinen Sinn. Und damit zeigt sich - wieder einmal - dass unsere Sprache recht präzise die Dinge benennt. Wertloses kann man demnach vergessen! Aber kann man sich vornehmen, etwas zu vergessen und wenn ja, was? Manfred Spitzer hat schon 2007 das Vergessen als einen aktiven Vorgang bezeichnet: „Unser Gehirn räumt also auf, sortiert nach dem Lernen, was zu behalten ist und wirft aktiv weg, was nicht mehr gebraucht wird.“.

In einer richtungsweisenden Studie hat der Psychologe Simon Hanslmayr, Mitarbeiter im Zukunftskolleg der Universität Konstanz, gemeinsam mit der Universität Regensburg nun die neuronalen Mechanismen nachgewiesen, mit denen das menschliche Gehirn das Erinnern und Vergessen reguliert. Die Versuchspersonen wurden gebeten, zuvor gelernte Gedächtnisinhalte willentlich durch aktuellere auszutauschen. Mittels Kernspintomografie und EEG wurde ermittelt, was sich währenddessen im Gehirn tat. Ergebnis: Die Synchronisation elektrischer Signale zwischen Nervenzellen, die für das Speichern und Sichern von Inhalten verantwortlich ist, wurde „herunterreguliert“. Das führte bei den Versuchspersonen zum Vergessen. „In der öffentlichen Wahrnehmung wird das Vergessen eher als ein Nachteil begriffen“, so Simon Hanslmayr, „eben als eine Beeinträchtigung, wenn das Gedächtnis nicht richtig funktioniert... Man muss sich nur vorstellen, wie viele Informationen im Laufe eines Lebens, ja im Laufe einer Woche im Gehirn angesammelt werden.“

Doch was wird behalten, was vergessen? Irrelevante und veraltete Informationen werden durch neue ersetzt oder ausgeblendet. Vergessen zu können, hat Vorteile. Das Denkorgan spart Energie, setzt neue Kapazitäten frei und wird leistungsfähiger. Und wen die Last einer Erinnerung drückt, für den kann eine „traumatische Amnesie“ ein Segen sein.

Vergesslichkeit ist eine Form der Freiheit. Khalil Gibran

 

  Emotionen: Herzschrittmacher für das Lernen

Was bedeutet das Vergessen für Lernen und Training?

Das Vergessen gilt oft als Feind des Lernens und so mancher selbsternannte Gedächtnistrainer will unser Oberstübchen zum Fitnesstudio umrüsten. Dabei gehören lernen und vergessen eng zusammen. Das Gehirn versucht, die zentralen Informationen zu gewichten, wobei die äußeren Umstände in der Regel versenkt werden. So wissen wir zwar, dass Berlin die Hauptstadt von Deutschland ist, aber kaum jemand wird sich daran erinnern, wann und wo er das gelernt hat.

Bildung ist die Summe alles Gelernten abzüglich der Summe all dessen, was wir vergessen haben. Alles, was unwichtig erscheint oder lange nicht mehr abgerufen wurde, verblasst mit der Zeit. Hierzu hat bereits im vorletzten Jahrhundert der Psychologe Hermann Ebbinghaus (1850 - 1909) den Grad des Vergessens auf seiner „Ebbinghausschen Kurve“ veranschaulicht. Je länger das Gelernte zurück liegt, desto mehr wird vergessen. Aus heutiger Sicht mögen diese Befunde den Überraschungseffekt einer Sanduhr haben. Wichtiger ist, wie wir jene Informationen, die für uns bedeutend sind, festhalten. Hierfür gibt es vor allem zwei Schlüssel zum Lernerfolg. Der eine heißt: Wiederholen, wiederholen, wiederholen - der andere: Inhalte mit Emotionen verknüpfen.

Systematisches Repetieren kann den Vorgang des Vergessens deutlich abbremsen, vor allem dann, wenn die Intervalle der Wiederholung sich vergrößern. Diese Erkenntnis machen sich Vokabeltrainer wie z.B. „Phase-6“ zunutze. Und der Herzschrittmacher im Kampf gegen das Vergessen ist und bleibt die Einbettung der Inhalte in positive Emotionen.

Wer ein Training plant, sollte darauf wert legen, dass wiederholt wird, dass die Inhalte wirkungsvoll nachbearbeitet werden und das Training in einer Atmosphäre stattfindet, in der positive Emotionen wachsen können.

Wer hingegen glaubt, dass eine „rationale“ Vermittlung von Zahlen, Daten, Fakten erfolgreich ist, läuft Gefahr, dass die grauen Zellen unbedeutenden Datenmüll gnadenlos entsorgen. Das kann man dann wahrhaftig vergessen. Ganz anders als das World Wide Web!

 

Die Erinnerungen verschönen das Leben, aber das Vergessen allein macht es erträglich. Honoré de Balzac

 

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