Denken in Bildern

24.07.2016

  Sprache

Denken in Bildern

Sagen, reden, plappern, schwatzen, schwafeln, plaudern, mitteilen, kundtun, weitertragen, übermitteln, erklären, erörtern .... es gibt offenbar eine schier endlose Zahl von Wörtern für das, was wir unentwegt tun: Sprechen. „Das Menschlichste, was wir haben“, so Theodor Fontane, „ist doch die Sprache, und wir haben sie, um zu sprechen.“

Wir sprechen mit Worten. Der aktive Wortschatz eines Durchschnittsdeutschen besteht aus etwa 12.000 bis 16.000 Wörtern. Deutsch ist allerdings eine sogenannte Hybridsprache, die eine Flut fremder Wörter aufgenommen hat. Das Fischen im fremden Wörtersee bringt ständig neue Begriffe hervor. Das findet nicht überall Zustimmung. Sprachkritiker gehen gegen die Flut neuer Wörter, allen voran Anglizismen, vor: „Sinnfreie Worttapeten kleiden den Sprachraum aus“, „Sprachpanscher“ und „Plauderblüten“ seien unterwegs und „Wortvogelscheuchen“ sowie „modisches Pseudoenglisch“ führen dazu, dass die deutsche Sprache „im Sprachkoma“ liegt. Davon kann keine Rede sein, die Sprache lebt und wird durch eine zunehmende Globalisierung belebt. Sprache ist die Grundlage der Kommunikation, sie ist Dreh- und Angelpunkt unseres sozialen Verhaltens und der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Wir sprechen, um uns mitzuteilen und um verstanden zu werden. Das gelingt nicht immer. Missverständnisse pflastern unseren Sprachweg. Das liegt auch daran, dass Sprache an sich mehrdeutig und nicht immer trennscharf ist. Von daher verstärken wir die gesprochenen Inhalte mit unserer Körpersprache und verwenden Metaphern (gr.: übertragen). Es gibt kaum einen Bereich, den wir nicht sprachlich „bebildern“. Wir besitzen einen nahezu unbegrenzten Vorrat anschaulicher Redewendungen, um Bilder im Kopf zu erzeugen.

Wir „betreten neue Ufer“, wenn wir etwas Neues vorhaben, das „Kind ist in den Brunnen gefallen“, wenn ein Vorhaben gescheitert ist, der „Zahn der Zeit“ beschreibt die Vergänglichkeit , den Kollegen „lassen wir nicht im Regen stehen“, wenn wir bemerken, dass Hilfe notwendig ist, „er wird sein blaues Wunder erleben“, wenn eine unliebsame Überraschung droht, der „Redner hat den Nagel auf den Kopf getroffen“, wenn er Zustimmung erntet.

Im Berufsleben wird mit einer bildhafte Sprache eher sparsam umgegangen. Wenn Sprache die Kleidung der Gedanken ist, dann stellt sich im übertragenen Sinn die Frage, was wir anziehen - zum Beispiel bei Präsentationen, Vorträgen, Redebeiträgen. In unserer Arbeitswelt geht es oft derart langweilig zu, dass es spannender wäre, den Gartenzaun zu streichen und der Farbe beim Trocknen zu zuschauen. Bei Power-Point-Referaten werden „hineingepastete“ Excel-Tabellen gezeigt, viele Folien sind nach dem Muster Aufzählungszeichen (Bullet-Point) und halbfertiger Satz gestaltet und mit Texten vollgestopft. Der Referent liest vor. Das nenne ich betreutes Lesen. Bilder? Fehlanzeige! Wen wundert es, wenn das Publikum mit Müdigkeitsattacken kämpft und nichts hängen bleibt.

Dummy

Bebilderte Worte?

Am Anfang war das Wort? Nein, am Anfang war das Bild. Glaubt man den Sprachforschern, war Sprache ursprünglich bildhaft. Das zeigt sich an den Schriftzeichen, die zunächst eine Bilderschrift waren und dann immer abstrakter wurden. Dieser Abstraktionsprozess verlief so lange, bis die Schriftzeichen nicht mehr auf ihre Bedeutung hinwiesen.

 

Der Weg zur Wirklichkeit geht über Bilder. Elias Canetti

 

  Bilder, Metaphern und Geschichten

Wo im Gehirn werden den Wörtern Bedeutung zugeordnet?

Unser Gehirn denkt in Bildern. „Nur wenn wir das bildhafte (...) Gedächtnis erreichen, können wir Menschen zu einer Verhaltensänderung bewegen.“ , so der Neurowissenschaftler Ernst Pöppel.

Wie entstehen Bilder im Kopf? George Lakoff, ein US-amerikanischer Linguist, hat heraus gefunden, dass Metaphern oft auf körperlichen Erfahrungen beruhen. Ist jemand liebenswürdig, bezeichnen wir ihn als warmherzig, ist jemand abweisend, zeigt er die kalte Schulter. Im Gehirn geschieht folgendes: Die Nervenzellen für das Empfinden von Wärme werden verknüpft mit dem Empfinden von Zuneigung. Diese neuronalen Verbindungen werden oft wiederholt, es entsteht eine robuste „Datenbahn“.

Wenn wir mit Sprache etwas bewirken wollen, dann müssen wir im Gehirn des Zuhörers Bilder erzeugen, die er emotional positiv bewertet und abspeichert. Die sprachliche Verarbeitung erfolgt in der linken Gehirnhälfte. Metaphern, Redewendungen und bildhafte Ausdrücke erfordern eine räumlich-visuelle Verarbeitung. Dafür ist die rechte Gehirnhälfte zuständig. Metaphern aktivieren ein ganzes Netz von Assoziationen, alle anderen Informationen werden dem untergeordnet. Ein Bild sagt also mehr als tausend Worte. Metaphern helfen uns, komplexe Zusammenhänge rasch zu begreifen. Doch diese Vereinfachung kann uns auch auf falsche Fährten locken. Das zeigt sich beispielsweise darin, dass Ereignisse, die eher negativ wirken, beschönigt werden. Diese Rhetorikfigur wird Euphemismus genannt. Sie mögen in der Umgangssprache noch humorvoll erscheinen. Fettpolster werden in „Hüftgold“ verwandelt, eine Halbglatze mutiert zur „Stirn bis zum Nacken“, die Putzfrau steigt auf zur „Rumpflegerin“ und bald vielleicht zum „Head of Cleaning Departement“. Im Berufsleben geht es oftmals jedoch um ernstere Angelegenheiten. Umstrukturierungen, die nicht selten bedeuten, dass Mitarbeiter überflüssig sind, werden als „Strategische Neuausrichtung“ bezeichnet, Mitarbeiter werden nicht entlassen, sondern „dem Markt zurück gegeben“ oder „freigesetzt“. Schwierigkeiten oder Hürden existieren nicht, hier handelt es sich um „Herausforderungen“. Probleme? Im Business-Jargon nennt man sie „Thema“. Inwiefern mit dieser Schönfärberei eher Skepsis und Verunsicherung bewirkt wird, sei dahin gestellt.

Zu fragen ist aber, ob Sprache nicht nur die Gedanken kleidet, sondern auch unsere Realität, unsere Lebensumstände verändern kann. Führen Euphemismen zu einer positiveren Einschätzung des bezeichneten Gegenstands oder Ereignisses? Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen berichten in ihrem empfehlenswerten Buch „Das Alphabet unseres Denkens“ von einer beeindruckenden Untersuchung zweier Psychologen. Die Wissenschaftler erzählten Probanden folgende Geschichte: „Das Verbrechen ist eine Bestie, die die Stadt Addison heimsucht. Vor fünf Jahren war Addison in gutem Zustand, ohne offensichtliche Schwachstellen. In den vergangenen fünf Jahren jedoch sind die Abwehrsysteme der Stadt schwächer geworden, und die Stadt ist dem Verbrechen erlegen...“ Sie fragten die eine Gruppe, was Addison bräuchte, um die Kriminalität zu reduzieren? 71% Prozent antworteten, man müsse die Verbrecher hinter Gitter bringen und härtere Strafen durchsetzen. Anschließend tauschten die Wissenschaftler das Wort „Bestie“ mit dem Wort „Virus“ aus und präsentierten den ansonsten identischen Text einer zweiten Gruppe. Ergebnis: 54 Prozent empfahlen härtere Strafen, aber 46 % wollten die Gründe für das kriminelle Handeln ermitteln, die Bildung verbessern und die Armut bekämpfen. Ein einziges Wort hat den Ausschlag für eine „weichere“ Strategie gegeben!

Metaphern können also unser Denken und unsere Entscheidungen ganz erheblich beeinflussen, ohne dass wir es bemerken. Man sollte sich demnach über die Wirkung von Metaphern im Klaren sein, beim Sprechen ebenso wie beim Zuhören, im Privaten wie im Beruf und, sehr wichtig, auch in der Politik, siehe Political correctness!

Fazit: Eine bildhafte Sprache wirkt wie ein Turbo in unserem Gehirn. Wir wollen Menschen überzeugen, verändern und vielleicht auch begeistern. Das gelingt nicht allein mit Zahlen, Daten und Fakten, sondern mit einer bildhaften Sprache, die einen ganzen Kosmos von Bildern vor unserem inneren Auge entstehen lassen kann. Und wenn die bildhafte Sprache mit eindrucksvollen Emotionen verbunden sind, eingebunden in eine interessante oder spannende Geschichte, und nicht einen Zustand verschleiern, ist das für unser Gehirn ein „wahres Festmahl“!

Metaphern, so die oben erwähnten Autorinnen Schramm und Wüstenhagen, „sind in der Evolution die Entwicklungshelfer der menschlichen Intelligenz.“ 

Die Sprache wurde dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen. Talleyrand

 

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