Leben im Standby-Modus

23.10.2013

  mailen, posten, twittern

Leben im Standby-Modus

Was würden Sie sagen, wenn eine global tätige Institution etwa 500 Milliarden im Jahr verplempert? In dieser Größenordnung liegt der wirtschaftliche Schaden, der durch E-Mails, Twitter, Facebook und Co auf unserem Globus erzeugt wird - so "eco", der Verband der deutschen Internetwirtschaft. "Der Konzentrationsverlust durch Ablenkungssucht hat mittlerweile eine Schwelle erreicht, in der die Vorteile der elektronischen Kommunikation" verschwinden, warnt eco-Geschäftsführer Harald A. Summa. Der Produktionsverlust durch ständige digitale Störungen an einem durchschnittlichen Büroarbeitsplatz wurde mit mehr als 12.000 € pro Jahr beziffert.

Durchschnittlich gerade einmal 11 Minuten am Stück, so eine Studie von Computerwissenschaftlern der University of Califormia, können wir uns beruflich einer Aufgabe widmen, bevor ein Anruf, eine E-Mail, ein RSS-Feed oder ein Instant Messenger stört. Der amerikanische Psychiater Edward Hallowell nennt dieses Phänomen "Attention Deficit Trait" (ADT). Mittlerweile beschäftigt sich sogar ein wissenschaftlicher Forschungszweig mit Namen "Interruption Science" mit der digitalen Krake.

Wir mailen, posten und twittern was das Zeug hält, und die Grenzen zwischen Arbeitszeit, freier Zeit und Freizeit verschwimmen. Immer mehr Zeitgenossen legen ihr Smartphone nachts neben das Bett, schaffen es nicht, eine SMS oder E-Mail zu ignorieren und haben Vibrationsalarm gespürt, obwohl niemand angerufen hat. Durch die Fußgängerzonen eilen Menschen mit starrem Blick auf ihr Smartphone, wobei mir nicht immer ganz klar ist, ob sie während des Gehens elektronisch kommunizieren oder während der digitalen Kommunikation laufen ... "Wir leiden an konzentrierter Zerstreuung", schreibt Christoph Türcke, Autor des Buches "Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur".

Da wir weiterhin nur 24 Stunden am Tag zur Verfügung haben, lässt sich die Zeit offenbar nur noch verdichten. Viele glauben, die vermeintliche Zeitknappheit mit Multitasking überlisten zu können. Das ist ein Trugschluss, denn das Gehirn richtet seine Aufmerksamkeit zunächst auf die eine, dann auf die andere Tätigkeit. Unser Denkorgan wechselt rasch zwischen den einzelnen Vorgängen mit der Folge, dass wir oft nicht wissen, was wir eigentlich getan haben. Das Ergebnis? Effektivität und Kreativität sinken, die Arbeit wird langsamer, Stress, Konzentrationsmangel und Gereiztheit nehmen zu, es wird immer weniger hinterfragt oder reflektiert, falsche Entscheidungen werden getroffen, und die Unfähigkeit, mal abzuschalten, ist weit verbreitet. Die ZEIT titelt: "Noch jemand ohne Burn-Out?".

Peter Buchenau, Experte für die wirtschaftlichen Folgen von Stress und Burn-Out schreibt, dass 30 Prozent der Arbeitnehmer der Meinung sind, dass sie ihren Job nicht bis zum Rentenalter durchhalten, und die Hälfte aller Mitarbeiterausfälle sind auf stressbedingte Krankheiten zurück zu führen. "Diese Zahlen belegen", so Buchenau, "dass Unternehmen gut beraten sind, wenn sie heute schon mehr in der Stressprävention tun", das sei eine unternehmerische und gesellschaftliche Notwendigkeit.

Früher war alles viel besser? Das sieht nicht so aus, wie ein erschreckend zeitloses Gedicht aus dem Jahr 1888 in den "Fliegenden Blättern" verdeutlicht: "Neuzeit groß und hochbewundert, - Deine Werke sind pompös – Aber ist in dem Jahrhundert - Nicht die ganze Welt nervös?! - Und einige Strophen später: "Aber kann`s ein Räthsel bleiben - Daß die Nerven so caput? - Ist nicht unser Thun und Treiben - Nervenschädlich absolut?!"

(Das Wort Gedicht anklicken, um es komplett lesen zu können)

 

Wir ertrinken in Informationen und dürsten nach Wissen. John Naisbitt

 

  Komplexität

Wege aus dem Hamsterrad?

Maßnahmen gegen die Zeitknappheit versprechen Workshops zum Thema "Speed-Reading", oder der kommerzielle Referatedienst "getabstract", der sich auf Zusammenfassungen u.a. von Wirtschaftsbüchern spezialisiert (jeweils fünf Seiten). Auch Seminare zum Thema "Zeitmanagement" boomen. Derartige Vorhaben sind jedoch weniger geeignet, die Informationsflut einzudämmen, vielmehr vermitteln sie eine weitere Zeitverdichtung.

Manche Manager suchen in der Abgeschiedenheit eines Klosters bei Massage, Yoga und Meditation eine Entschleunigung der aus den Fugen geratenen Zeit. Andere verordnen sich Funkstille nach Feierabend, nehmen unbezahlten Urlaub oder ein Sabbatical.

Neben dem Internet beanspruchen allerdings auch Printmedien, Rundfunk und Fernsehen unsere Aufmerksamkeit; die Deutschen kommen inzwischen täglich auf fast neun Stunden Medienkonsum, wie eine Studie des Branchenverbandes "Bitkom" zeigte. Und es ist sicherlich der falsche Weg, die Technik zu verteufeln oder die Flucht ins Funkloch anzutreten. Das Bundesarbeitsministerium verpflichtet sich, Mitarbeiter nur noch ausnahmsweise außerhalb der Dienstzeiten zu kontaktieren, um die "Selbstausbeutung der Beschäftigten" zu vermeiden. Diverse Unternehmen gehen den gleichen Weg.

Egal, welche Lösung der Einzelne oder ein Unternehmen anstrebt, viele Maßnahmen wirken sicherlich entlastend. Ohne Selbstdisziplin oder mutige Entscheidungen, einfach mal aus- oder abzuschalten, geht jedoch nichts. Die Reizfülle können wir nicht wirklich beeinflussen, schließlich bringen uns die digitalen Helfer auch enorme Vorteile im Hinblick auf Kommunikation, Wirtschaft und Mobilität. Es gilt also, der Datenlawine durch eine rasche Talabfahrt zu entgehen.

Denn es ist die zunehmend wachsende Komplexität des Lebens, die uns mächtig zu schaffen macht. Wir leben in einer digitalen "Zuvielisation"!

"Der Umgang mit der steigenden Komplexität ist die vielleicht größte Herausforderung, der sich Organisationen im 21. Jahrhundert stellen müssen", sagt der Managementberater und Komplexitätsexperte Heinz Peter Wallner. "Ob ein Unternehmen innoviert oder den technischen Anschluss verliert, ob es auf dem Markt agiert oder nur reagiert, ob die Beschäftigten motiviert sind oder desillusioniert – all das hänge mehr und mehr von der Fähigkeit ab, mit Komplexität umzugehen."

 

Vertrauen reduziert die Komplexität des menschlichen Handelns und gibt Sicherheit. Niklas Luhmann

 

Die wichtigste Fertigkeit der Zukunft wird es sein, die Unmengen an unwichtigen Informationen um uns herum erfolgreich zu ignorieren. Reinhard K. Sprenger

 

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