Lerntypen, Linkshirner und Limbisches System

02.02.2015

  Irrtum Lerntypen

Märchen, Mythen und Missverständnisse

Wollen Sie diesen Artikel wirklich lesen oder sich lieber vorlesen lassen? Möglicherweise bevorzugen Sie, gleich darüber zu diskutieren oder schwebt Ihnen vor, sich einfach das Wesentliche des Textes aufzuschreiben? Wie Sie an diesen Text herangehen, entscheidet - so die Annahme - Ihr Lerntyp: visuell, auditiv, kommunikativ, und kinästhetisch – oder doch nicht? Weit verbreitet bei Lehrern, Trainern und anderen, die mit Bildung zu tun haben, ist die Ansicht, dass es zum Lernen einen individuell bevorzugten "Lernkanal" gibt, je nachdem, welcher der Sinne seine Lernpforten besonders bereitwillig öffnet: Auge, Ohr, Kommunikation, Kinästethik ... Die Idee fußt auf der Vorstellung, dass Menschen bei der Aufnahme von Informationen unterschiedliche Sinnesvorlieben haben: „Visuelle Typen“ stützen sich am liebsten auf das, was geschrieben steht, man erkennt sie - so der Ansatz - an Aussagen wie "das sieht sehr gut aus". Der auditiven Typ äußert sich mit den Worten: "das höre ich gerne", er lauscht lieber und lässt sich den Stoff erklären. „Gesprächstypen“ müssen kommunizieren, um etwas zu verstehen, und „Kinästhetiker“ lernen, indem sie etwas" begreifen" und sich bewegen. Sogar das wird behauptet: Der olfaktorisch-gustatorische Lerntyp findet so manches "ätzend". Und böse Zungen scherzen: Dieser Lerntyp müsste demnach mit Nase und Zunge auf Lerntour gehen, also das Wissen in sich hinein schlecken, mal schnuppern, oder gleich essen gehen? Für manche eine tolle Aussicht! – und so weiter und so fort ... Es herrscht ein florierender Markt von Ratgebern, Trainingsprogrammen und vor allem Online-Selbsttests, die der Testperson "wissenschaftlich" Auskunft erteilen, ob er etwa ein Augen- oder ein Ohr-Mensch sei. Für jeden steht ein Schublädchen bereit.

Vergessen Sie bitte diesen Mumpitz! Geht es nach der Wissenschaft, sollte man diesen Mythos vom "typengerechten Lernen" schleunigst begraben! Vier renommierte Lernforscher aus den USA haben in einer umfassenden Untersuchung heraus zu finden versucht, inwiefern es empirische Belege dafür gibt, dass es sich "typengerecht" erfolgreicher lernt. Die Wissenschaftler analysierten zudem sämtliche vorhandenen Studien zu Lernstilen, derer sie habhaft werden konnten. Das Ergebnis fällt ernüchternd aus: Es lässt sich durch nichts belegen, dass "typengerechte" Lernformen das Lernergebnis positiv beeinflussen. Auch die Erziehungswissenschaftlerin Nicole Becker von der Universität Tübingen bekräftigt, dass die Verfechter typengerechten Lernens jeglichen wissenschaftlichen Beleg schuldig bleiben. Sie „lassen sich oft von der naiven Vorstellung leiten, dass eine Information vom Sinnesorgan – je nach ‚Lerntyp‘, zum Beispiel dem Auge oder dem Ohr – quasi direkt ins Langzeitgedächtnis überführt wird“, schreibt Becker. Was für ein neurobiologischer Blödsinn!

„Tatsächlich jedoch" - so Becker - "erfordert semantisches Lernen – also das, was man im pädagogischen Sinne unter Wissenserwerb versteht – eine aktive, intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Gegenstand. Man kommt also, selbst wenn man bestimmte Präferenzen im Umgang mit Lerninhalten haben mag, um das intellektuelle Durcharbeiten von Inhalten nicht herum.“

Lerntypen

 

Lernen ist Vernetzung: visuell – akustisch – kinästhetisch.Manfred Spitzer

 

  Der Mythos vom Links- und Rechtshirner

Kunst rechts - Mathematik links?

Der Rechts-Links-Hirn-Mythos ist besonders hartnäckig. Seit Jahrzehnten geistert er durch die Bildungslandschaft, und die Anhänger dieser Theorie bemühen sich, ihren Seminarteilnehmern einzutrichtern, wie sie ihre linke oder rechte Hirnhälfte besser nutzen oder in Einklang bringen können, um die ganze Kapazität des Gehirns besser aus zu nutzen. Zudem locken Apps, eine Fülle von Selbsthilfe-Ratgebern und Onlinetests damit, endlich "wissenschaftlich" bestimmen zu können, mit welcher Hirnhälfte der Teilnehmer bevorzugt denkt. Diese Hemisphärentheorie hat es sogar geschafft, in die Alltagssprache einzudringen, etwa wenn einem vermeintlich unkreativen Zahlenmenschen vorgeworfen wird: "Du Linkshirner". Es ist ja so einfach: Kunst rechts - Logik links! Und warum können sich manche Menschen so gut in andere hineinversetzen? Weil - so die Mär - ihre "empathische rechte Hirnhälfte" besser funktioniert. An Universitäten, schreibt der Bochumer Biopsychologe Prof. Onur Güntürkün, wird sogar gelehrt, man könne sich in die Studenten besser hineinversetzen, wenn man mit der linken Hand die ganze Zeit einen Gummiball quetscht. Es gibt keinerlei Belege dafür, dass die Empathie insgesamt rechts sitzt, noch dafür, dass eine Aktivierung motorischer Areale auf andere Bereiche derselben Hirnhälfte übertragen werden kann. Alles ein vollkommener Unsinn!

Natürlich gibt es durchaus Asymmetrien, denn beide Hirnhälften sind nicht für alles gleichermaßen zuständig. So ist die linke Hirnhälfte spezialisiert auf viele, aber nicht alle Sprachprozesse, etwa die motorische Sprachumsetzung. Rechts wird die Sprachmelodie oder das "Lesen zwischen den Zeilen" gesteuert. Räumliches Denken, Gesichtserkennung oder das Zahlenverständnis sind ebenfalls in der rechten Hirnhälfte angesiedelt. Wie Prof. Onur Güntürkün hinzu fügt, "gibt es darüber hinaus extremen Wildwuchs", die Hemisphären-Theorie sei eine "neurowissenschaftlich schlicht falsche Verallgemeinerung." Die meisten Aufgaben werden an verschiedensten, weit voneinander entfernten Stellen in beiden Hirnhälften bearbeitet. So wenig wie es „rechts-hirnige“ und „links-hirnige“ Menschen gibt, so wenig gibt es "vorder"- und "hinterhirnige" Menschen.

 

Die Hirnhälften sind nicht zwei Seiten einer Medaille, sie sind eine Medaille.Henning Beck

 

  Das Gehirn bildet immer eine Einheit

Verarbeitungsnetzwerke

Im Jahr 2013 sind mehr als 80.000 wissenschafliche Publikationen zum Thema rund um das Gehirn erschienen. Hirnforscher werden gerne als Allzweckwaffe im Kampf gegen die letzten Geheimnisse unseres Gehirns gesehen, und nicht selten tauchen hier pseudowissenschaftliche Interpretationen auf, die auch noch vorgeben, den "neurologischen Code" geknackt zu haben. Die Theorie der "Lerntypen" ist ebenso falsch wie die Annahme, es gäbe Links- und Rechts-Hirn-Menschen. Henning Beck wies in seinem jüngst veröffentlichten Buch "Hirnrissig" darauf hin, dass mehrkanalige "Informationen gleichzeitig auf das Gehirn eintreffen, sie werden verteilt verarbeitet und dabei immer wieder miteinander kombiniert, bis schließlich simultan eine Gesamtaktivierung (das, was wir „Gedanke“ nennen) entsteht und eine Handlung ausgelöst wird." Es existieren tatsächlich einige grundlegende Verarbeitungs-netzwerke, die meist auf einer bestimmten Seite liegen. Doch unser Gehirn bildet immer eine Einheit!

Jede Information, egal über welchen Sinneskanal sie eintrifft, landet sofort im Limbischen System, erhält dort eine emotionale Färbung und steuert unser Verhalten – als Verbraucher, als Lernender, in Kommunikations-Situationen. Es ist ein sehr einflussreicher Teil unseres Gehirns, der durch eine emotionale Beurteilung zu Lust-Unlust-Gefühlen führt und letztlich Entscheidungen maßgeblich bestimmt.

Und noch etwas: Es gibt keine Region im Gehirn, die in besonderem Masse verantwortlich sei für Kreativität!

 

Was nicht durch den Bauch geht, bleibt im Kopf nicht hängen.
Gerald Hüther

 

Kommentare

Gespeichert von Hans-Peter Metzner am/um
Ein brillanter Artikel, danke. Wer sich auf bestimmte Lernkanäle beschränkt, wird geringen Lernerfolg haben. Umgekehr wird ein Schuh daraus: Mehrkanaliges Lernen, Sehen (Bilder), hören, berühren, all das steigert das Lernergebnis mit freundlchen Grüßen Hans-Peter

Neuen Kommentar schreiben