Schlafen und Lernen

08.02.2020

  Schlafforschung

Gute Nacht! Lerne gut!

Haben Sie in den vergangenen Nächten gut geschlafen? Falls ja, ist das sehr erfreulich. Denn ein guter Schlaf ist erholsam, gesund und lebensverlängernd. Das ist allgemein bekannt. Wir verbringen etwa ein Drittel unseres Lebens im Schlaf. Erwachsene schlafen im Mittel fünf bis neun Stunden pro Nacht. Kinder sind in ihren ersten Lebensjahren einer Flut von Reizen ausgesetzt. Daher müssen sie viel schlafen, um diese Informationsmenge lernen zu können.

Das ideale Schlafbedürfnis ist individuell sehr verschieden. Auch die Schlafenszeit unterscheidet sich je nach dem „Chronotypen“, den man verkörpert. „Eulen“ bevorzugen, spät ins Bett zu gehen und morgens länger zu schlafen. Die „Lerchen“ hingegen steigen frühzeitig ins Schlafgemach und sind morgens sehr früh wach. Wer am Wochenende Schlaf nachholen möchte, hat in der Woche zu wenig geschlafen. Wer häufig zu wenig schläft, reagiert gereizt, nervös und kann sich schlecht konzentrieren. Die Leistungs- und Lernfähigkeit nehmen ab. Bundeskanzlerin Angela Merkel versucht den Schlafmangel so zu kompensieren: „Ich habe eine Art Kamelkapazität, mit Schlaf umzugehen. Ich kann über eine gewisse Zeit, fünf oder sechs Tage lang, mit wirklich sehr wenig Schlaf auskommen. Dann brauche ich aber auch wieder einen Tag, an dem ich ausschlafe, zehn, zwölf Stunden.“

Die Aufgabe des Schlafes ist es, das Leben im Wachzustand zu verbessern. Im Schlaf koppeln wir uns zwar von der Außenwelt ab, doch ein Großteil unserer Körperfunktionen verändert sich, vermutlich regenerieren sich auch unsere Zellen, und unser Immunsystem wird gestärkt. 

Sicherlich kennen Sie den Spruch: „Darüber muss ich erst noch eine Nacht schlafen“, wenn eine wichtige Entscheidung ansteht. Im Schlaf entsorgt unser Gehirn schädliche Stoffwechselprodukte und molekularen Abfall. Die Neurowissenschaftlerin Laura Lewis von der Boston University hat herausgefunden, dass während des Schlafens Blut aus dem Kopf herausfloss und Gehirnflüssigkeit, fachlich Liquor genannt, Teile des Gehirns einer Gehirnwäsche unterzog. Liquor spült giftige Eiweiße aus dem Gehirn, welche der Gedächtnisleistung schaden könnten. So funktioniert offenbar die reinigende Wirkung des Schlafs. Diese „Wartungsarbeiten“ sind notwendig, damit die Aufnahme neuer Informationen im Wachzustand schneller und effektiver erfolgen kann.

Gleichzeitig sorgt der Thalamus, unser „Türsteher“, dafür, dass ein Großteil der Sinneseindrücke nicht mehr verarbeitet wird. Somit kann Wichtiges von Unwichtigem getrennt werden, und es entsteht Platz für neue Informationen. Und wenn wir aufwachen, erscheint die anstehende Entscheidung in neuem Licht, wir betrachten die Angelegenheit mit anderen Augen und das ausgeruhte Gehirn gibt uns frischen Mut für eine tragbare Entscheidung.

Vielleicht hat Ihnen jemand einmal den wahrscheinlich nicht ganz ernst gemeinten Rat gegeben, vor einer wichtigen Prüfung das Lehrbuch unter das Kopfkissen zu legen, damit der Lernstoff ins Gehirn gelangt. Falls Sie diesem Tipp gefolgt sind, werden Sie am Morgen danach enttäuscht bemerkt haben, dass das Buch unter dem Kissen Sie nicht schlauer gemacht hat.  Doch der Ratschlag weist in eine richtige Richtung, denn wenn wir schlafen, ist unser Gehirn aktiv. Schlafen macht schlau!

 

 

Vor dem Schlafen lernen!

 

Vor dem Schlafen lernen!

 

Vier Stunden schläft der Mann, fünf Stunden die Frau, sechs ein Idiot.Napoleon Bonaparte 

 

  Konsolidierung des Gedächtnisses

Schlafen macht schlau!

Wie das genau passiert, ist noch nicht völlig geklärt. Der Hippocampus als Teil des Limbischen Systems ist zuständig für das Speichern und Abrufen von Erinnerungen. Diese Hirnregion überführt Informationen vom Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis und ist für den Lernprozess daher besonders wichtig. Nachts, wenn die Sinneswahrnehmungen auf Sparflamme glimmen, löscht, sortiert oder verschiebt der Hippocampus die „nützlichen“ Erinnerungen in das Langzeitgedächtnis. Dieser Selektionsprozess geschieht allerdings nicht wahllos. Denn alles, was im Tagesverlauf wiederholt wird, etwa die Vokabeln, die vor dem Zubettgehen noch einmal zur Hand genommen werden, haben beste Chancen, dauerhaft im Gedächtnis zu landen. Wann findet der Selektionsprozess statt? Dazu äußert sich der Gedächtnis- und Schlafforscher Prof. Dr. Jan Born von der Universität Tübingen: „Früher glaubte man, das passiere in der Rapid-Eye-Movement-Phase (REM), weil wir da träumen.... Unsere Untersuchungen zeigen, dass die Konsolidierung von Gedächtnisinhalten und ihre Abspeicherung im Langzeitgedächtnis hauptsächlich im Tiefschlaf stattfindet, der auch als Deltaschlaf bezeichnet wird, und besonders ausgeprägt am Anfang der Nacht ist ... Träume sind vermutlich ein Abfallprodukt der Aktivität des Gehirns, und die Träume, die wir erinnern, entstehen wohl in der Regel, wenn das Gehirn am Aufwachen ist.“Wie oben beschrieben, werden die Sinneswahrnehmungen heruntergefahren, um die Umgebung abzuschirmen und ruhig schlafen zu können. Ganz heruntergefahren? Nein, ein kleiner Teil unserer Sinne bleibt empfangsbereit. Das haben Neurowissenschaftler In sogenannten „Cueing-Studien“ herausgefunden. Probanden mussten 120 Wortpaare lernen. Jedem Wortpaar wurde ein Geräusch zugeordnet. Um gegen andere Störgeräusche weniger empfindlich zu sein, wurden im Schlaf die ganze Zeit diskrete Töne vorgespielt, die dann von den „Lerngeräuschen“ unterbrochen wurden. Die Studienteilnehmer wussten nichts von den akustischen Einspielungen in der Nacht. Doch am Morgen konnten sie sich deutlich besser an die Wortpaare erinnern, die mit „Lerngeräuschen“ verknüpft waren, als jene Studienteilnehmer, bei denen lediglich die leisen Töne zu hören waren. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, wie eine Gedächtniskonsolidierung funktioniert. Wichtig zu wissen ist, dass eine Gedächtnisspur vorhanden ist, die verstärkt werden kann. Nicht Gelerntes zu verstärken, gelingt offenbar nicht. Sich also nachts mit Lernstoff berieseln zu lassen, taugt nichts. Das Gehirn reaktiviert Gedächtnisspuren, und wo keine vorhanden sind, gibt es nichts zu verstärken. Für eine weiterführende Schlussfolgerung oder gar eine praktikable Lernunterstützung sind diese Erkenntnisse (noch?) nicht anwendbar. Lernen im Schlaf ist Zukunftsmusik. Doch Lerninhalte zu festigen scheint realistisch zu sein.

Den seinen gibt’s der Herr im Schlaf.

 

Bibel, Psalm 127

 

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