Wenig Zeit für die "Zeit"genossen!

19.06.2014

  Zeitknappheit, Hektik und Zersplitterung

Wenig Zeit für die "Zeit"genossen?

Ein Kollege kommt zu spät zur Besprechung. Früher hieß es: „Warum kommst Du nicht pünktlich?“ Heute sagt man: „Warum hast Du nicht angerufen?“ Pünktlich zu sein hat ausgedient, heute kommt es darauf an, „am Punkt“ zu sein, also hochgradig flexibel und bereit, sich unterschiedlichen Situationen anzupassen. Wenn heutzutage jemand zur Begrüßung gefragt wird, wie es ihm gehe, lautet die Antwort oft: „Bin im Stress!“ Viele „Zeit“genossen klagen über eine überhitzte Leistungsgesellschaft, in der Zeitknappheit, Hektik und Zersplitterung zu den vorherrschenden Gefühlen zählen. Eine zunehmende Zahl von Menschen glaubt daher, die Zeit vergehe heute schneller als früher. Das tempobestimmte Klima lässt die Gegenwart schrumpfen. Dabei ist Zeit im Übermaß vorhanden und gratis zu haben. Was ist los?

Vor einigen Jahren beschrieb der Philosoph Hans Magnus Enzensberger den Bedeutungswandel von Luxus. Das, worauf es ankommt, ist nicht mehr zur Schau gestellte Üppigkeit, Verschwendung und Prunksucht, die Definition von Luxus hat sich gewaltig verändert. Heutzutage buhlen, ja kämpfen wir um mehr Aufmerksamkeit, wünschen uns aufgrund der Verdichtung der Lebensverhältnisse mehr Raum, genießen Luxus, wenn wir Ruhe haben und uns dem Krach und Lärm entziehen können. Eine saubere Umwelt, in der man frische Luft zum Atmen und reines Wasser zum Trinken besitzt, gehören ebenso zu den Luxusgütern wie die Sicherheit. Wer in Sicherheit leben will, schließt nicht nur andere aus, sondern sich selber ein.

„Die Zeit“, so Enzensberger, „ist das wichtigste aller Luxusgüter“. „Bizarrerweise sind es gerade die Funktionseliten, die über ihre eigene Lebenszeit am wenigsten frei verfügen können... es sind ihre vielfältigen Abhängigkeiten, die sie versklaven. Man erwartet von ihnen, dass sie jederzeit erreichbar sind und auf Abruf bereitstehen“ - so Enzensberger.

Auch andere Berufstätige müssen allerdings ihre Zeitsouveränität auf ein Minimum beschränken. Ein zuweilen als endlos empfundenes Meeting jagt das nächste, Telefontermine pflastern den Kalender, weitläufige Abstimmungsschleifen in der Firma zögern Entscheidungen hinaus und rauben wertvolle Zeit. Und dann poltern auch noch Zeitdiebe aus dem Kollegenkreis ins Büro und quasseln einen voll. Selbstbestimmte Zeit am Arbeitsplatz ist für viele ein purer Luxus! Und wer von und zur Arbeit fährt, verplempert häufig im Stau kostbare Zeit und verliert seine letzten Nerven. Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa bekennt: „Ich bin temporal insolvent, zeitlich illiquide.“

Die Strategieagentur „Different“ hat kürzlich in einer repräsentative Stichprobe heraus gefunden, dass sich 90 Prozent der etwa 2000 Befragten wünschen, Zeit für sich zu haben! Mehr als die Hälfte von ihnen fand es erstrebenswert, eine bewusste Auszeit von Handy und Internet zu nehmen. Auszeit? Haben wir richtig gelesen? Wie passt das zusammen mit dem unentwegten Simsen, Surfen und Telefonieren? Auch wächst die „Generation Kopf unten“, so benannt nach der Kopfhaltung der mit Smartphone oder Tablet beschäftigten „Zeit“genossen. Mit dem in der Studie genannten Wunsch, elektronisch einfach mal abzuschalten, mag sich eine Sehnsucht nach sinnvoller Beschäftigung, nach dem Genuss der Langeweile und Glück der Unerreichbarkeit ausdrücken. Allerding sind Ablenkungsbereitschaft und Neugier, wenn sich das Smartphone meldet, zu groß, um diesen Wunsch nach einer netzfreien Zeit noch zu verteidigen.

 

Wer die Zeit nicht managen kann, der kann gar nichts managen. Peter F. Drucker

 

  Strategien gegen chronische Überlastung

Zeitmanagement-Selbstmanagement

Zeitdruck und Zeitmangel haben viele Unternehmen dazu veranlasst, Zeitmanagement-Seminare zu besuchen. Dort werden Strategien vermittelt, wie die chronische Überlastung mithilfe von effizienten Zeit- und Selbstmanagement-Techniken überwunden werden kann. Andere Institute geben „Umsetzungstipps zur Leistungssteigerung“. Das Ziel derartiger Workshops kann allerdings nicht darin bestehen, Wege aufzuzeigen, wie man die Arbeit von 16 Stunden in zwölf Stunden presst. Detaillierte Zeitkalender, mahnt der Zeitexperte Karlheinz Geißler, erhöhen nur den Druck und seien kontraproduktiv. Überhaupt gaukeln Zeitmanagement-Kurse und Ratgeber oft vor, dass man sein gesamtes Leben durchplanen und managen könne, das ist reine Symptomkosmetik. Der Wissenschaftsautor Stefan Klein ergänzt: „Es gilt aber, die Gesetze der eigenen, inneren Zeit zu verstehen.“ Und hier scheint einer der Gründe zu liegen, weswegen es viele nicht schaffen, die Tyrannei der Dringlichkeit dauerhaft abzuschütteln.

Dummy

Zeitsouveränität zurück gewinnen

Chronobiologen unterscheiden zwei „Zeittypen“: die Lerchen, also Frühaufsteher, die ihre wichtigsten Tätigkeiten am frühen Morgen erledigen sollten, und die (Nacht-) Eulen, die besonders in den späteren Stunden leistungsfähig sind. Wer permanent gegen seine biologische Uhr arbeitet, erleidet auf Dauer einen „sozialen Jetlag“. Der in manchen Zeit-Seminaren geäußerte Tipp, die wichtigsten Aufgaben frühmorgens zu erledigen, funktioniert demnach bei den „Eulen“ nicht. Auch andere individuellen Unterschiede gilt es zu berücksichtigen. So hat der US-amerikanische Psychiater Edward A. Hallowell beobachtet, dass Menschen, die im permanenten Stand-by-Modus leben, nicht imstande sind, sich auf etwas Wichtiges zu konzentrieren. Seine Diagnose lautet: „Attention Deficit Trait“ (ADT), auf Deutsch etwa „Aufmerksamkeits-Defizit-Charakter“. Nur verläuft die Grenze zum ADT bei jedem anders. Die einen können mehrere Dinge zugleich effizient erledigen, ohne Zeitdruck zu verspüren, die anderen geraten unter Zeitstress, wenn sie am Flughafen telefonieren müssen. Jeder muss demnach eine eigene Strategie seiner Zeiteinteilung entwickeln.

Zahlreiche Experten zeigen, wie der individuelle Umgang mit der Zeit geschehen könnte. Zach Davis, Inhaber des Trainingsinstituts“ Peoplebuilding“, rät jeder Führungskraft, sich pro Woche eine „Stunde mit mir selbst (SMMS)“ zu gönnen. Die Autorin Miriam Meckel empfiehlt, keinesfalls auf Smartphone und Co. zu verzichten, sondern geschickt eingesetzteUnerreichbarkeit“ zu festgelegten Zeiten einzuplanen. Überhaupt sollte man die Kommunikation zwischen beruflich und privat klar trennen. Wer Zeitmanagement-Kriterien auch im Privatleben anlegt, verwandelt Beziehungen in Bürogespräche. Vielerorts wird geraten, sein Leben zu „entschleunigen“. Unsere Gesellschaft beschleunigt aber nicht mehr über die Geschwindigkeit, sondern über die Gleichzeitigkeit. Damit geschickt umzugehen, ist die Aufgabe des Einzelnen.

 

Eins, zwei, drei! Im Sauseschritt - läuft die Zeit: wir laufen mit.Wilhelm Busch

 

  Selbstverantwortung erforderlich!

Tyrannei der Dringlichkeit abschütteln

Egal, wozu man tendiert. Häufig haben wir es gar nicht mit einem Zeitproblem zu tun, wenn Hektik und Stress uns nerven. Wenn wir hören: „Ich habe keine Zeit!“, verbirgt sich dahinter desöfteren mangelndes Interesse. Im Berufsleben ist es oft die Verdichtung der Arbeit, durch die wir überhaupt erst in den Zustand, den wir Zeitnot nennen, geraten, Wir haben also weniger ein temporäres und mehr ein kulturell-wirtschaftliches Phänomen. Wer glaubt, Zeit gewinnen zu können, indem er immer mehr Aufgaben auf einmal erledigt, der begibt sich in einen Teufelskreis. Und wenn dann auch noch die innere Bereitschaft vorherrscht, auf jedes Signal der Elektronik zu reagieren, dann ist für viele der Zeiger einfach ab! Unternehmen wären gut beraten, den Arbeitsaufwand pro Zeiteinheit und die Arbeitsprozesse im Hinblick aufZeitfresser ernsthaft zu überprüfen. Kurioserweise ist schon vorgekommen, dass Zeitmanagementseminare angefragt wurden, die aus Zeitknappheit nur einen Tag dauern sollten ... Dann könnten wir ja gleich Work-Life-Balance-Kurse am Wochenende durchführen ...

Für ein erfolgreiches Zeitmanagement gibt es keinen Königsweg, sondern nur individuelle Lösungen. Hier gilt besonders das Gebot der Selbstverantwortung. Der Zeitexperte Karlheinz Geißler empfiehlt: „Man muss Zeit wie einen Schweizer Käse planen, mit festen Strukturen und großen Löchern.“

 

Karriere machen die Flexiblen, nicht die Pünktlichen.Karlheinz Geissler

 

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